„Wie funktioniert ein Kurfürstentum?“ - Vortrag am 16. Mai 2013 im LBZ in Koblenz

Verfassung, Verwaltung und das Selbstverständnis des Erzstifts Trier nach dem Domkapitelskalender von 1773 sind die Schwerpunkte im Vortrag „Wie funktioniert ein Kurfürstentum?“ von Prof. Dr. Wolfgang Schmid am 16. Mai 2013 um 19 Uhr im LBZ.

Allgemein wird angenommen, dass im Zeitalter des Absolutismus ein Kurfürst wie Clemens Wenzeslaus von Sachsen sein Territorium souverän regierte. Dieses Bild vermitteln die von ihm in Auftrag gegebenen Kunstwerke. Allerdings gab es in den geistlichen Territorien eine Vielzahl von Institutionen und Gruppen mit historisch gewachsenen Sonderrechten wie bspw. das Trierer Domkapitel, die den politischen Handlungsrahmen des Landesherren erheblich einschränkten.
Das Selbstbewusstsein dieser aus dem Adel der Region stammenden und akademisch gebildeten Elite kommt nicht nur in zahlreichen Stiftungen, sondern auch in den sogenannten Domkapitelskalendern zum Ausdruck. Dabei handelt es sich um großformatige, mit zahlreichen Kupferstichen geschmückte und mit Inschriften versehene Kalender, die jeweils zum Jahresbeginn an geistliche und weltliche Würdenträger verschenkt wurden. Aufgrund des empfindlichen Materials und ihrer Größe sind viele Kalender nur in Fragmenten erhalten.

Das Landesbibliothekszentrum besitzt einen Trierer Domkapitelskalender von 1773, der neben den Wappen und Ämtern der Domherren auch die Heiligen und Reliquien des Erzbistums, seine beiden Flüsse und seine zwei großen Städte Trier und Koblenz dargestellt. Der Vortrag von Prof. Dr. Wolfgang Schmid wird, nach einführenden Überlegungen zur Gattung, den Kalender eingehend beschreiben und analysieren und abschließend eine Antwort auf die Frage versuchen, wie das Trierer Domkapitel seine Position im Kurfürstentum Clemens Wenzeslaus’ sah.

Anlässlich des 200. Todestages von Clemens Wenzeslaus von Sachsen im Jahr 2012 gab es eine Vielzahl von Publikationen, Veranstaltungen und Ausstellungen. Im Nachhinein stellt sich die Frage, ob das Bild, das der kunstliebende Erzbischof und Kurfürst von Trier in Gemälden und Graphiken von seiner Person zeichnen ließ, der Wirklichkeit entsprach. Ähnliches gilt für seine Rolle als Bauherr: Das Koblenzer Schloss bspw. erweckt den Eindruck, hier habe ein absolutistischer Herrscher seinen Untertanen gezeigt, wer Stadt und Kurfürstentum uneingeschränkt regiert. Der Monarch war ein Schauspieler im Staatstheater, Anspruch und Realität konnten dabei weit auseinander klaffen. So schränkten die Sonderrechte des Trierer Domkapitels den politischen Handlungsrahmen des Kurfürsten erheblich ein. Das Domkapitel verwahrte mit dem Heiligen Rock und dem Heiligen Nagel die wichtigsten Reliquien des Erzbistums; es regierte das Erzstift übergangsweise, solange nach dem Tod eines Bischofs dessen Stuhl unbesetzt war. Das Domkapitel konnte Münzen prägen oder auch Kriege führen und zwang den Nachfolger zur Unterzeichnung einer „Wahlkapitulation“, das dem Domkapitel erhebliche Mitwirkungsrechte einräumte.

Prof. Dr. Wolfgang Schmid (Universität Trier) studierte Geschichte, Kunstgeschichte und Politikwissenschaft in Trier und Graz. Seine Forschungsschwerpunkte sind Geschichtliche Landeskunde, Mittelalterliche Geschichte und Kirchengeschichte.

Der Eintritt ist frei.