Kompetenz- und Dienstleistungszentren: Landesbibliotheken heute. Vortrag von LBZ-Leiterin Dr. Annette Gerlach auf Bibliothekskongress

Unmittelbar vor der Buchmesse in Leipzig findet vom 11. - 14. März 2013 unter dem Motto „Wissenswelten neu gestalten“ der 5. Leipziger Kongress für Information und Bibliothek statt. Erwartet werden mehr als 3.500 deutsche und internationale Informationsspezialisten zu Europas größtem Kongress der Branche. Die Leiterin des LBZ, Dr. Annette Gerlach, hält einen Vortrag über die Geschichte und Perspektiven der Landesbibliotheken.

„Landesbibliotheken – ein Auslaufmodell? oder: Warum Landesbibliotheken nicht verzichtbar werden“, lautet der Titel des Vortrags von LBZ-Leiterin Dr. Annette Gerlach auf dem 5. Leipziger Bibliothekskongress. In Zeiten des Medienumbruchs und veränderter Aufgaben befinden sich Landesbibliotheken verstärkt in einer Identitätsdebatte. Aufgaben von Universitätsbibliotheken und öffentlichen Bibliotheken scheinen manchmal viel klarer als die der Landesbibliotheken. Wie lässt sich die aktuelle Aufgabenbestimmung dieses traditionsreichen Bibliothekstyps beschreiben? Welche neuen Wege gehen Landesbibliotheken bereits heute? Diesen und weiteren Fragen geht Dr. Gerlach in ihrem Vortrag vor dem in Leipzig anwesenden Fachpublikum nach.

Anhand von Bibliotheksbeispielen aus mehreren Bundesländern (u.a. Badische Landesbibliothek Karlsruhe, Anhaltische Landesbücherei Dessau, Zentral- und Landesbibliothek Berlin, Landesbibliothekszentrum Rheinland-Pfalz) arbeitet Dr. Gerlach charakteristische Merkmale des „Typus“ Landesbibliothek heraus: Vielfach aus früheren fürstlichen Hofbibliotheken entstanden, waren und sind Landesbibliotheken für die Informationsversorgung "ihrer" Region zuständig. Sie haben fast immer das sogenannte Pflichtexemplarrecht. Sie haben einen universalen Sammel- und Informationsauftrag für ihre Region, sammeln aber auch die Literatur über ihre Region und sind Ausleihbibliothek in ihrer Region.

Meist verfügen Landesbibliotheken über einen wertvollen Bestand an Handschriften, Inkunabeln und alten Drucken und sind ebenso auch Forschungsbibliotheken. Sie initiieren Forschung, stellen Quellen für Forschungsvorhaben bereit und haben damit eine enge Anbindung an Wissenschaft und Forschung.

Landesbibliotheken stellen ihre Bestände zur Ausleihe am Ort oder im auswärtigen Leihverkehr zur Verfügung und vermitteln durch den Leihverkehr auch die Bestände anderer Bibliotheken. Die Sammlung der landeskundlichen Literatur ist oftmals verbunden mit ihrer Erschließung in einer Landesbibliographie. So wird vom Landesbibliothekszentrum Rheinland-Pfalz die Rheinland-Pfälzische Bibliographie (RPB) erstellt.

Im digitalen Zeitalter stellen veränderte und neue Aufgaben nicht nur die Landesbibliotheken vor Herausforderungen. Begriffe wie Web 2.0-Angebote, Soziale Netzwerke, Open Access, Digitalisierung, Cloud-basierte Systeme oder E-Tutorials seien als Betätigungsfelder genannt.

Hieraus ist ersichtlich, wie breit gefächert das Aufgabenspektrum der Landesbibliotheken ist. Die einzelnen Bibliotheken dieses Typs sind daher sehr unterschiedlich und haben verschiedene Schwerpunkte. „Wenn sich eine Landesbibliothek zu einseitig ausschließlich als öffentliche Bibliothek oder als wissenschaftliche Bibliothek oder gar als Museum versteht, wird sie ihrer Aufgabe nicht gerecht werden können“, benennt Dr. Gerlach die Risiken, vor denen dieser Bibliothekstypus steht. „Landesbibliotheken haben von allen Bereichen etwas und genau darin liegen ihre Stärken“, so Dr. Gerlach.

Insbesondere auf die Rolle von Landesbibliotheken für die jeweilige Region geht Dr. Gerlach in ihrem Vortrag ein und stellt fest, dass in fachlichen Diskussionen die landesbibliothekarische Aufgabe viel zu sehr auf einen engen regionalen Blick eingegrenzt wird. Dabei wird die Zuständigkeit für eine Region häufig übersehen und deren Bedeutung unterschätzt. Als Beispiele nennt sie u.a. den Verbund Öffentlicher Bibliotheken Berlins (www.voebb.de), der von der Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB) als Verbundzentrale betrieben wird und ihr auch organisatorisch zugeordnet ist oder auch das Kompetenzzentrum BestandsErhaltung für Archive und Bibliotheken in Berlin und Brandenburg (www.zlb.de/kbe), ebenfalls angesiedelt bei der ZLB. Ebenso der Zuständigkeit für eine Region zuzurechnen ist das vom LBZ angebotene rheinland-pfälzische Digitalisierungsportal dilibri (www.dilibri.de) oder die von den LBZ-Büchereistellen entwickelten Lesefördermaßnahmen für Bibliotheken, Schulen und Kindergärten. Mit der Übernahme dieser koordinierenden Aufgaben und zentralen Funktionen sind Landesbibliotheken Kompetenz- und Dienstleistungszentren für ihr Land bzw. ihre Region. „Als solche werden sie auch benötigt“, betont Dr. Gerlach „Denn wer, wenn nicht die Landesbibliotheken, sollte solche koordinierenden Aufgaben sonst übernehmen?“

Daraus folgernd stellt sich perspektivisch für Landesbibliotheken verstärkt die Frage, was es heißt, für eine Region verantwortlich zu sein, anstatt lediglich als Einzeleinrichtung isoliert in den eigenen „vier Wänden“ zu agieren. Es wird zukünftig stärker darauf ankommen, Kooperationsmodelle zu entwickeln und bereits vorhandene Profilierungen zu schärfen.

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